Koch auf dem Hahn

04. März 2005 | Mobilität, Gefährdete Tiere und Pflanzen

Hessen-Koch auf dem rheinland-pfälzischen Hahn

Mit dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch hatte sich der Verein für den Flughafen Hahn einen gewaltigen Fürsprecher eingeladen. Und er gab durchaus sein bestes, die Befürworter einer Umfunktionierung des Flughafens Hahn zu einem Flughafen mir schwerem Frachtflug - und den hauptsächlich nachts - zu unterstützen. Deutlich wurde dabei, dass ohne eine solche Entwicklung die Chancen der Flughafenerweiterung in Frankfurt auf schwachen Füßen stehen.

Außer dem Gast des Abend, Ministerpräsident Koch, begrüßte Vereinsvorsitzender Werner Kuhn erst einmal ganze 19 Bürgermeister und Landtagsabgeordnete namentlich, um dann noch mal an die Ursprünge des Vereins zu erinnern, der 1992 „aus der Not heraus“ geboren sei. Er setze sehr darauf, dass die Arbeiten weitergehen „trotz der Klagen“. Über die Kläger ist er allerdings reichlich erbost: „Sind diese Menschen Egoisten? Denken sie nicht an die siebeneinhalb tausend Arbeitssuchenden bei uns?“
Landrat Bertram Fleck (Rhein-Hunsrück-Kreis) stieß in das selbe Horn: Es gebe zwei Sorten Gegner, meinte er. Verstehen könnte er diejenigen, die sich um ihr Eigentum Sorge machten, nicht aber die anderen: „Die sorgen sich um dies und das, sogar um die Mopsfledermaus, aber nicht um die Menschen, da machen die sich keine Gedanken.“ Im übrigen ließen Ökologie und Ökonomie sich doch verbinden. Er habe andererseits ja auch Verständnis für die Naturschützer und ihre Mopsfledermaus: „Pass auf, da werden wir eine Lösung finden.“ Was ihm Sorgen mache, sei die immer noch fehlende Anbindung mit der Bahn. Das Land habe zwar seine Absicht erklärt, die Hunsrückbahn auszubauen: „Aber wann?“ Ohne Bahnanbindung gäbe es aus Brüssel keine Genehmigung für das Flughafensystem.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch freute sich erst einmal, dass es doch so viele Leute gebe, die für etwas sind und nicht bloß dagegen. Schließlich gehe es um Tausende von Arbeitsplätzen. Wenn der Flughafen Frankfurt um 50 % seiner jetzigen Leistung ausgebaut werde, erwarte man 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze auch in Wartung, Reinigung, Kontrolle, die man nicht so leicht wegrationalisieren könne. „Und wenn wir das nicht machen, machen es andere. Abgewickelt werden die Geschäfte sowieso, dann eben woanders,“ schilderte er die aus seiner Sicht unsinnige Ablehnung des Ausbaus.

Wenn aber die Menschen in Frankfurt dann alle 60 bis 90 Sekunden überflogen würden, wenn sie das hinnehmen müssten, wäre es doch ein guter Kompromiss, wenn sie wenigstens nachts ein paar Stunden keinem Flugverkehr ausgesetzt wären: „Deshalb brauchen wir das Flughafensystem Frankfurt-Hahn als essentielle Voraussetzung, dass der Ausbau Frankfurt in eine den Bürgern zumutbare Form kommt.“ Mit anderen Worten: Ohne Bahnanschluss kein Flughafensystem und ohne Flughafensystem keine problemlose Verlagerung des Nachtflugverkehrs auf den Hahn!

Konsequent stecke das Land Hessen deshalb auch 20 Millionen Euro in den Hahn-Ausbau, und die Flughafen-GmbH übernehme für 10 Jahre die Verluste auf dem Hahn. „Das tun wir nicht als Wohltat, wir sind keine Caritas. Das ist ein Geschäft, das sich in einigen Jahren auszahlen wird.“
Er vertraue darauf, so Koch, dass die Europäische Kommission das Flughafensystem anerkenne. „Was ist das schon für eine Entfernung von Frankfurt auf den Hahn. In Stunden ist das doch weniger als vom Zentrum von Los Angeles nach Santa Monica.“
Im ersten Schritt gehe es darum, überhaupt eine Bahnverbindung zu realisieren, und da sei Rheinland-Pfalz gefragt. Auf Dauer müsse man in einer Stunde „von Tor zu Tor“ kommen. Das war Wasser auf die Mühlen des wohl größten Wunsches der Bürgerinitiative pro Hahn, die schon seit langem vom Transrapid träumt. Aber, so Koch, als „Dümpelstrecke“ mache er keinen Sinn: „Allerdings, von Frankfurt über den Hahn bis Brüssel wäre es die bestmögliche kontinentale Strecke, die es gibt.“

Nach Koch’s Rede wollte Vereinsvorsitzender Kuhn die Diskussion auf dem Podium und mit den geladenen Gästen eröffnen, aber da gab es wohl keinen Bedarf. Eine Chance für Heide Weidemann, BUND-Landesvorsitzende und Vorsitzende der VBB, zu Wort zu kommen, auch ohne „geladen“ zu sein. Und die nutzte sie, um den Veranstaltern und Politkern entgegenzuhalten, dass man Arbeitsplätze auch anders schaffen könne, und das mit mehr Vorteilen für die Region. Sie machte deutlich, dass allein im Mosel-Saar-Raum 40.000 Menschen vom Tourismus lebten und dieser Wirtschaftszweig mit Recht sogar von Minister Bauckhage als Jobmaschine der Region bezeichnet werde. Wie viele Arbeitsplätze durch den geplanten nächtlichen Schwerfrachtflug gefährdet seien, habe sich bisher niemand die Mühe gemacht zu ermitteln, aber „ist Ihnen ein florierender Fremdenverkehrsort in 15 bis 25 Flugkilometern Entfernung von einem unbeschränkten Schwerfracht-Nachtflughafen bekannt?“ Man dürfe doch den Reichtum der Region nicht zerstören um einer Wirtschaftsform willen, die entschieden mehr Abhängigkeiten und Export von Wertschöpfung provoziere als wenn man auf nachhaltigen Tourismus, dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien und die Stützung heimischer Produzenten durch regionale Vermarktung setze. : „Geben Sie uns einen Bruchteil des Geldes, das der Hahn verschlingt, und wir versichern Ihnen: In zwei Jahren haben wir ein Arbeitsplatzkonzept entwickelt, das uns unabhängig von fremder Hilfe macht.“ Soviel Selbstsicherheit verwirrte selbst den hessischen Ministerpräsidenten, der sich beeilte zu betonen, der Hahn werde nicht subventioniert, es gebe nur „ein bisschen Marketingunterstützung“.

Als dann Richard Pestemer, der seit Jahren für die VBB und vier weitere Organisationen den Regionalen Klimagipfel ausrichtet, Koch qua Zwischenruf fragte, ob der Klimawandel für ihn nicht existiere und wie er sich angesichts der knapper werdenden Ölvorräte die Zukunft des Flugverkehrs vor dem Hintergrund der Einführung einer Kerosinsteuer vorstelle, glaubten einige Teilnehmer, Koch in Schutz nehmen zu müssen: Sie versuchten, Pestemer „in die Schranken zu weisen“, aber seine Beschwichtigung: „Herr Koch ist doch als Ministerpräsident im hessischen Landtag den Umgang mit Zwischenrufen gewöhnt“ brachte die Lacher auf seine Seite und selbst Koch stimmte ihm zu. Abschließend beantworten allerdings konnte oder wollte er diese Fragen nicht. „Aber das ist noch Jahre weg, und wir müssen die Chancen für Arbeitsplätze jetzt in den nächsten 20 Jahren beim Schopf fassen, weil es sonst ein anderer tut“.
Wie ein insgeheimes Zugeständnis, dass ein Flughafen nur mit Billigfliegern keine schwarzen Zahlen schreiben kann, also letztlich dem Steuerzahler auf der Tasche liegen muss, hörte sich die Aussage von Hahn-Geschäftsführer Jörg Schumacher an: „Frankfurt trägt die Verluste auf dem Hahn, das wird nicht immer so bleiben können. Deshalb stehen wir unter Druck. Wir brauchen die verlängerte Start- und Landebahn, um an andere Kunden zu kommen und so die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen.“
Und wenn man dem Landtagsabgeordneten Alex Licht (CDU) glauben schenken will, dann teilen immerhin 94 % der Bevölkerung diese Meinung, denn: „So viele haben bei den letzen Kreistagswahlen die Parteien gewählt, die für den Hahn-Ausbau sind“.
Na, da verwechselt wohl jemand Wahlergebnisse mit Meinungsumfragen und hält das Kreuz auf dem Stimmzettel für einen Freibrief.

Heidelind Weidemann 

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